16.03.15

Jede zweite Woche habe ich das Vergnügen, die Kinder zusammen mit Paul abzuholen. - An den anderen Tagen mache ich das mit meiner Mutter oder sie mit Paul oder sie mit meinen Schwiegereltern. - Und es ist jedes mal ein Erlebnis... Wir machen uns also auf den Weg zur Kita. Wie immer fahre ich, denn Paul motzt mir zu viel rum. Kein Scherz. Wenn er fährt, wird nur rumgenörgelt. Das liegt schlichtweg am Auto. Es is ein (Frauenbeschreibung riesiger Kasten mit neun Sitzen und vier Rädern drunter. Er gehört meinen Eltern. Ihr altes Auto hatte die Hufe hochgerissen und so haben sie sich vor ein paar Monaten dieses Monster gekauft, um uns beim Transport der Kids unter die Arme zu greifen, wohlweislich, dass ein neues, wenn auch gebrauchtes Auto für uns selbst in weiter Ferne ist. Und so teilen wir uns das Schiff. Allein schon die Marke schmeckt Paul nicht und so findet er an allen Ecken und Enden etwas zu meckern. Und aus Angst, das Karma rächt sich, wenn er am Steuer sitzt und alle erdenklichen Synonyme von "Scheißkarre" runterbetet, fahre ich. So einfach ist das. Mein Aberglaube ist eben unerschütterlich... Wir kommen an. Parkplatz voll. Also naja, voll ist relativ. Es stehen 5 Autos in ungefähr 25 Parktaschen. 10 davon scheiden ohnehin aus, weil die Kids dann zu weit und vor allem quer über den Parkplatz laufen müssen und mich jeder Meter, den ich ihnen hinterherjagen muss, Lebensjahre kostet. Auf den übrigen 15 Parkplätzen stehen die 5 Autos so verteilt, dass ich mit dem Koloss nicht einparken kann. Die Betonung liegt auf "ich". Denn ich bin ne Niete im Einparken. Also ist der Parkplatz faktisch voll. Aber ich hab zum Glück eine Einparkhilfe. Sie ist 38 Jahre alt, hat einen LKW-Führerschein und hört auf den Namen "Paul". Er lotst mich sicher in die Parklücke und da wären wir. Hand in Hand laufen wir beschwingten Schrittes zur Kita. Kaum sehen uns die kleinen Biester, stürmen sie auf uns zu und rufen "Papa" und "Papa" und "Papa". Ja, Mutter sein kann so ein undankbarer Job sein. Aber kaum haben sie Papa erreicht, flitzen sie an uns vorbei in den Flur. Und schon sind sie im nächsten. Und im nächsten. Und dort holen wir sie ein. Denn dort gibt's Spielzeug. Jeeede Menge Spielzeug. Jede Menge hochinteressantes Morgen-isses-vielleicht-nicht-mehr-da-Spielzeug. Es is natürlich praktisch, dass sie sich einige Zeit freiwillig auf ein paar Quadratmetern aufhalten, ohne die Gefahr, erneut auszubüchsen. Aber Jacken, Mützen und Schuhe ziehen sich nicht von allein an. Also werden alle Register gezogen: Lieb säuseln, bestimmt gebieten, schimpfen, ignorieren und weitergehen. Nix hilft. Ich nehme sie also bei der Hand. Pah! Als wenn das irgendwelche "Oh, jetzt brav sein!"-Schalter umlegt. Nix da. Sie machen sich weich wie Pudding. Statt nebenher laufen, lassen sie sich hinterherschleifen. Nich mit Mama. Dann eben hoch und über die rechte Schulter geschwungen. Eine Maus ist also eingefangen. Die zweite klemme ich mir kurzerhand unter den linken Arm. Tja, und nun wohin mit der dritten? Ah, da war ja noch was - der Papa ist ja heut dabei. Er ist bei ihr - Nicky - und säuselt auf sie ein, sie möge doch bitte mitkommen. "Möchtest du nicht mitkommen mit Mami und Papi?" - "Nein!" - "Dann gehen Mami und Papi ganz allein mit Nina und Hanna nach Hause!" - "Nein!" (Oh, und man stelle sich diese kleine Dame dazu vor. Mit rotem, vor Wut zerknautschtem Gesicht spuckt sie ihm das Wort krächzend entgegen. Hin und wieder kombiniert mit einem Fußaufstampfen.) - "Doch, du musst dann hier bleiben und..." und schon is sie wieder weg zum Spielen. Is klar. Sie will hier bleiben und Papa droht, wenn sie nicht mitkommt, muss sie hier bleiben. Netter Versuch. Dutzende weitere Versuche später haben wir die Damen endlich aus dem Haus buchsiert. Mamas Mantel ist leichter, weil der Inhalt der Taschen als Lockmittel diente. Nina hockt heulend inna Ecke - Mamas Büroschlüssel wirkt Wunder. Nicky will ein Spielzeug nicht abgeben - Mamas Hausschlüssel müssen dran glauben. Hanna bockt, weil sie keinen Schlüssel kriegt - Mama hat noch ihre eigenen Autoschlüssel dabei. Und endlich endlich erreichen wir das Auto. Nicky stürmt in die zweite Reihe, was für die Kinder das Nonplusultra ist, denn weiter nach vorne kommen sie nicht. Und in der zweiten Reihe sitzt sie allein. In der Mitte. Keiner neben ihr. Freie Sicht nach vorne. Herrlich. "Mama, Hause fahren!", nörgelt sie schon. Ach nee, was isses denn, was ich seit ner halben Ewigkeit versuche? Grrr. Hanna is währenddessen auf den Fahrersitz geklettert, spielt an den Hebeln, rüttelt ungeduldig am Lenkrad, fummelt am Radio rum, quietscht vor Freude, als es plötzlich angeht, stellt sich wieder auf den Sitz und schmeißt sich aufs Lenkrad. Der ideale Winkel für nen Blick auf die Ablagefächer. Au weia, was da alles schönes rumliegt. All der Kram, den die Kids morgens im Auto lassen müssen. Und sie entdeckt jedes Teil, als hätte sie es noch nie gesehen. Ein kleines weißes Spielzeugmotorad "Oh!", ein rotes Puppenhaarband "Oh!", ein Osterei mit Schleifchen "Oh!", ein Holzauto, eine Parkscheibe, noch eine Parkscheibe und und und. Paul trägt Nina währenddessen zur hinteren Reihe. Endlich. Denn er musste ihr unterwegs erklären, dass man das Pfui nicht aufhebt. Dann musste er ihr erklären, dass man das Pfui wieder wegschmeißen soll. Dann musste er ihr erklären, dass er mit "weg" den Boden und nicht die Jackentasche meint und schlussendlich musste er ihr erklären, warum man das Pfui nicht nochmal aufheben und Papa zur Weißglut treiben darf. Das Pfui war übrigens eine kleine leere Gummibärentüte. Kann man ihr das verdenken? Paul schnallt sie nun endlich an. Dann schleicht er sich zur Fahrertür, reißt sie auf, schnappt sich eine vor Überraschung und Übermut quietschende Hanna und verfrachtet auch sie ins Auto. Ich lasse mich seufzend auf den Fahrersitz plumpsen. Paul setzt sich neben Nicky in die zweite Reihe, schließt die Tür und befiehlt: "Hopp nach Hause!" - "Erst anschnallen!", geb ich zurück. "Na die 114 PS werden mich schon nicht vom Hocker reißen." Mir juckt der rechte Fuß und ich denke kurz über "Wer nicht hören will..." nach, verwerfe den Gedanken aber wieder. Der Winkel ist schlichtweg ungünstig um ein einigermaßen vorzeigbares Ergebnis für YouTube zu erzielen. Wir fahren die paar Straßen nach Hause und unterwegs erklärt der weltbeste Papa den Mädels, was es nicht alles zu sehen gibt: "Guckt mal, ein Hund... Naja, eher ne Ratte..." - "Wau wau!!!" - "Oh da, guckt mal, der Bus!" - "Busssss!!!" - "Guckt mal, ein kleiner LKW... Papa hat einen viel größeren..." - "Papa Müllauto" - "Ja, Papa fährt Müllauto." Und so geht's weiter, bis ins Carport. Mama macht die Zündung aus und erklärt mit gestellt weinerlichem Ton: "Damals, als wir uns noch geliebt haben, konntest du gar nicht nah genug bei mir sitzen. Jetzt ist dir das große Auto grade recht um so weit wie möglich weg zu sitzen." Paul prustet los: "Ach du scheiße!" Und Nicky: "Scheiße!" Und Paul schimpft: "Das gibt's doch gar nicht..." und versucht das Übel zu mildern: "...Kacke!... Kaaacke!" Ich hüpfe aus dem Auto und beobachte schadenfroh, wie er versucht, in ihrem Köpfchen ein Schimpfwort durch ein Schimpfwort zu ersetzen. Nach und nach hebt er die Mäuse aus dem Auto. Und natürlich sind sie gleich in alle Richtungen auf und davon. Nicky versucht ein herabgefallenes Osterei wieder an den Forsythien-Strauch zu hängen, Hanna stürmt das Hoftor in der Hoffnung, Opa wartet wie immer auf sie und Nina rennt zum Deko-Maulwurf und macht ihn zur Sau. Echt - sie motzt ihn richtig an. Und es muss was Schlimmes gewesen sein, was er angestellt hat, denn Hanna kehrt zurück und motzt mit. Da kommt Nicky angerannt, wetzt an uns vorbei, ruft was von wegen "essen" und klettert die Treppe hoch. Offenbar hat Paul wieder nur Pfui in die Vesper-Dosen gemacht, denn sie scheinen alle Hunger zu haben. Nina und Hanna lassen endlich vom Maulwurf ab und ich könnt schwören, ein erleichtertes Seufzen gehört zu haben. Kurze Zeit später schließt sich endlich die Haustür hinter mir und ich höre den Gong. Die Runde ist vorbei. Kurz verschnaufen, dann Runde zwei. Küche. Abendbrot. Ein weiteres Abenteuer nimmt seinen Lauf...

16.3.15 23:03

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