12.03.15

"Das is jetzt aber eine Impulsreaktion!", sagt man mir. Man prophezeit mir, wenn ich jetzt aus einem Impuls heraus absage, würde ich mich eine Stunde vorher sowieso wieder umentscheiden und trotzdem mitgehen. Ist "Impuls" hier ein Synonym für "zickig" oder "trotzig"?. Das erinnert mich an den Spruch 'Ich bin nicht zickig, ich bin emotional flexibel.'. Jawohl! Und ich bin sogar so impulsiv, dass ich gar nicht bis kurz vor Peng warten muss, sondern mich noch in dieser Stunde umentscheiden kann...

 

Worum geht es eigentlich?

 

Ich gehöre zu den Menschen, die das Glück haben, gern zur Arbeit zu gehen und sich im Kollegium wohl zu fühlen. Wir sind rund 20 Kollegen, darunter nur vier Männer, inklusive dem einen mit der diplomatischen Wortwahl. Und wo viele Frauen sind, wird hier und da mal gezickt - oh nein, es wird impulsiv reagiert. Ansonsten isses eine tolle zwischenmenschliche Atmosphäre. Und so unternimmt man auch mal privat etwas miteinander. Mal in Grüppchen, mal die komplette Belegschaft, so wie auch in Kürze zur Verabschiedung einer langjährigen Mitarbeiterin. Bowlen. Bowlen is so ein Sport, mit dem ich nicht wirklich warm werde. (Als wenn das irgendeine andere Sportart von sich sagen könnte.) Größtenteils, weil ich's nicht kann, aber auch, weil es sich jedesmal, wenn man an der Reihe ist, wie der Gang zum Schafott anfühlt. Oder positiv formuliert, wie der Gang zur Bühne. Und dann steh ich Amateur da an der Kugelförderband- Endstation, oder wie das Ding heißt, und suche mir ne Kugel aus. Nach welchen Kriterien man das machen sollte, hat mir nie einer erklärt, also such ich mir die Dinger nach Farben aus. Dann trotte ich mit fremden Schuhen (Auch ein Thema für sich - nach nem langen Arbeitstag wechseln 20 Leute in aller Öffentlichkeit und vermutlich dicht aneinander gedrängt ihre Schuhe. Also ich möchte mal unterstellen, dass keiner der 40 Füße nach Jasmin, Lavendel oder Rosen duftet...) mit der rosa oder lila Kugel noch vorne. Gefühlt liegen alle Blicke auf mir. Und dann isses wie im Film, auf meinen Schultern ploppen ein kleines, naives, gutmütiges Engelchen und ein fettes, fieses, bösartiges Teufelchen auf. Das Teufelchen sagt: "Die glotzen alle auf deinen fetten Arsch. ALLE!" Das Engelchen sagt: "Nein nein! Mäuschen, die unterhalten sich. Und die paar, die gucken, drücken dir die Daumen." Scheiß auf die beiden, je mehr ich mit ihnen streite, desto länger brauche ich, bis ich mich wieder unbeobachtet in mein Eckchen setzen kann...

 

Das also ist meine Grundeinstellung zum Bowlen. Und dann setzen sie noch eins drauf: das Ganze soll am Arsch der Welt (relativ gesehen - denn mitten in Berlin is für die kleine Orientierungsniete aus der Vorstadt gleichzusetzen mit dem Arsch der Welt) stattfinden und man könne ja mit der Bahn fahren. Ähm - Bahn? Ähm - Nö! Paul würde jetzt sagen: "Wenn ich's nicht selbst fahren kann, steig ich nicht ein." Etwas Anderes als meinen kleinen Kleinstwagen zu fahren, traue ich mir ohnehin nicht zu, aber den Rest der Einstellung teile ich. Ich kann dem nicht nur nichts abgewinnen, ich habe eine echte Abneigung gegen Bahnfahren. Zum Einen kommt die Bahn nicht zu mir und holt mich ab, nein, ich muss da erstmal hinlatschen, meist sogar Treppen erklimmen. Und ich hab, und jeder der mich kennt kann es bestätigen, keinen großen Bewegungsdrang. Im Gegenteil, ich bin Sitzprofi. Zum Anderen - diese ganzen fremden Menschen und ihre Ausdünstungen, baaah! Und es is ja nich so, dass man zwei oder drei von denen am anderen Ende des Wagons sitzen sieht, nein, sie kleben einem ja förmlich am Arsch. Man kann nicht wegsehen, nicht weghören und nicht wegriechen. Man is denen schutzlos ausgeliefert. Diesen Kreaturen. Was sich da rumtreibt. Und ja, ich kann das beurteilen; ich bin jahrelang täglich Bahn in Berlin gefahren. Für mich als Landpommeranze ein kompletter Kulturschock. Was sich da alles rumtreibt. Omas mit lila Haaren, wahrscheinlich passend zur Bowlingkugel. Anzugträger mit Notebooks, die sich geben, als wären sie Dreh- und Angelpunkt der Welt, dabei haben se keene Ferrari-Schlüssel inna Hosentasche, sondern ne lumpige Monatsfahrkarte. Typen mit Dreadlocks - bei den Einen gewollt und gepflegt, bei den Anderen Teil der Lebensphilosophie: "Ich brauche keine Pflegeprodukte. Hatten die vor 10.000 Jahren auch nicht. Das ist wider der Natur. Das erzeugt Krebs." (Na sicher doch. Lieber ranzig stinkend 120 Jahre alt werden. Allein. Nur angewiderte Gesichter um einen herum.) Und dann die Schüler. Massen von Schülern. In allen nur erdenklichen Erscheinungsformen. Die Nerds. Die Klassenclowns. Die Kleinmädchenträume. Die Emos. Die Bitches. Die Mauerblümchen. Schüler können, wenn sie in Massen auftreten angsteinflößend sein. Angst vor der eigenen Altersarmut. Wegen zu niedrigen Renten, wegen leeren Haushaltskassen, wegen zu wenig Steuereinnahmen, wegen zu wenig Steuerzahlern, wegen Unterqualifizierung einer ganzen Generation. Aber gut ich schweife ab. Ich mag also das Bahnfahren nicht...

 

Nach langen Hin und Her lass ich mich trotz meiner berechtigten und nicht impulsiv herbeigezauberten Einwände breitschlagen, mitzukommen. Ich mache Feierabend, schmeiße mich in meinen kleinen Kleinstwagen und kriege auf der Heimfahrt Besuch von Engelchen und Teufelchen.

Teufelchen: "Boa, lass dich nich immer so bequatschen. Die können dich doch mal. ALLE"

Engelchen: "Nein nein! Das war ganz richtig so. Guck ma, die Kollegin freut sich doch."

Teufelchen: "Impulsiv hat man dich genannt. Sie finden dich Zickig. ALLE!"

Engelchen: "Nein nein! Sei ehrlich zu dir, du hättest auch nochmal drüber schlafen können."

Teufelchen: "Und wie stehste jetz da? Inkonsequent. Lächerlich haste dich gemacht. Lachen werden se über dich. ALLE!"

Engelchen: "Nein nein! Naja höchstens der Impuls-Typ. Die Kollegin die dabeisaß vielleicht noch. Na und die, mit der du dann telefoniert hast. Ach und die zwei Typen die reinkamen. Und die, die währenddessen über den Flur gelatscht sind und alles gehört haben. Und die..."

 

"RUUHHEEE!", schreie ich sie ganz impulsiv an. "Wenn ihr so weiter macht, fahrt ihr mitta Bahn!" Da werden sie ganz kleinlaut, die beiden Flitzpiepen: Das Teufelchen mit seinem Anzug und den Dreadlocks und das Engelchen mit den lila Haaren und der farblich passenden Bowlingkugel. Ja, sehta, wer will schon mitta Bahn fahren...

 

 

 


12.3.15 21:01

Letzte Einträge: 17.01.16, 19.02.16, 20.02.16

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