06.03.15

Alle zwei Wochen gönnen sich Mama und Papa eine Auszeit. Es sind nur zwei Stunden und das Ziel ist jedes Mal das gleiche - ein Restaurant im Nachbarort. Und auch das Gericht ist das gleiche und die Getränke, meist auch der Tisch und die Bedienung ohnehin... Den Stammtisch lassen Mama und Papa aber diesmal links liegen und gehen schnurstracks in den Raucherbereich. Nicht um des lieben Lasters Willen, dass sich Mama so mühsam abgewöhnt hat und dem Papa noch verfallen ist, sondern weil's schlichtweg leerer und ruhiger ist. Viel ruhiger, denn im Gastraum steppt der Bär. Offenbar feiert da jemand sein Wurfjubiläum oder den Führerschein oder den Rentenbeginn, whatever. Jedenfalls mit DJ und allem Drum und Dran. Also schnell durch und ab in den Raucherbereich. Was für eine Wohltat für die Ohren. Und ein schöneres Ambiente isses auch, denn der Raucherbereich befindet sich im Wintergarten des Restaurants mit malerischem Blick auf den dazugehörigen See, in dem Biber, Enten und Schwäne aus dem anliegenden Tierpark schwimmen. Es is traumhaft... Mama und Papa setzen sich also an einen Zweiertisch, Papa schiebt die Deko, Salz, Pfeffer und Aschenbecher beiseite und nimmt Mamas Hände. Und da sitzen sie, wie ein frisch verliebtes Teeniepaar und lösen sich voneinander nur, wenn der Kellner kommt... Aus den Lautsprechern tönt irgendein deutsches Lied und geht Mama auf'n Zünder, denn sie hat nicht viel übrig für deutschen Schnulzenkram. Nun wird's am anderen Ende des Raumes lauter. Drei Männer in Arbeitskluft, vermutlich Montagearbeiter, die im angegliederten Hotel übernachten, unterhalten sich darüber, dass sie von diesem Lied eine bessere Version kennen. Einer zückt das Handy, sucht kurz und lässt dann stolz wie Bolle seine Version erklingen. Ähm, nennen wir es mal "FSK 18" und versuchen es, zu ignorieren. Fällt nicht ganz leicht, aber das Schicksal hilft. Eine andere, lautere und nervigere Melodie legt sich drüber und einer der beiden anderen zückt sein Handy. Natürlich soll die Welt an seinem Leben teilhaben, also wissen Mama und Papa in Kürze, wo sie sich wann und mit wem treffen. Zum Glück müssen sich die Drei sputen und raffen daher ihre sieben Sachen zusammen und weg sind sie. Nu is das peinliche Paar allein und könnte sich über alles mögliche unterhalten, aber wie es so is, sie reden über die Kids. Was kann man gegen Nicky's Trotzphase machen? Wie kriegt man die Brut trocken? "Hab ich dir schon erzählt, wie Nicky und Nina am Dienstag gekuschelt haben?" "Bei *** ist wieder Regenkleidung für die Kids im Angebot gewesen, hast du dran gedacht?" Na, was man sich halt so erzählt, wenn man alle zwei Wochen zwei Stunden Ruhe hat... Der Kellner kommt mit dem Salat. Nich dass Mama oder Papa wild auf Salat wären (würde ihnen rein optisch auch niemand abkaufen), aber er gehört halt zu dem Gericht dazu, und mit Dressing is das Grünzeug ganz passabel. Naja, und nem geschenkten Gaul schaut man nich ins Maul. Kurz nach dem Kellner betreten neue Nebendarsteller die Bühne und setzen sich drei Tische entfernt hin. Mama wirft nen Blick rüber und analysiert. Ein Pärchen. Beide so um die 50 bis 55. Er in Jeans, ehemals weißen Turnschuhen und blau-beigefarbenen Rentierpulli. Knapp 1,65 "groß", mager,  zerknitterte, ledrige Haut, Haare oben kurz und hinten lang, so wie es in seiner Blütezeit Mode war. Sie genauso kurz und mager mit blond gefärbtem Haar mit alter Dauerwelle darin, als würde morgen der nächste Friseurtermin anstehen. Dazu eine unmodische, zu groß geratene Brille, die Haut von Nikotin und Solarium gezeichnet und daher ebenso ledrig wie die ihres Begleiters. Sie trägt eine schwarze, leider knallenge Leggins, unter der sich ein Oma-Schlüpper abzeichnet. Darüber braune, halbhohe Stiefel mit Fellbesatz und obenrum einen knallroten Rollkragenpulli mit ner fetten Goldkette als Hingucker. Als wenn ihr Vorbau nicht Hingucker genug wäre, denn sie trägt einen dieser BHs, die den Busen so formen, dass er wie zwei Pyramiden nach vorne zeigt und etwaige Angreifer zu erstechen droht. Wir nennen sie mal Beate und Klaus und machen aus ihnen eine Kneipenwirtin und einen Fernfahrer. Passt wie die Faust auf's Auge und er hört sich auch so an. Als wenn er es nicht gewöhnt ist, dass sich jemand daran stören könnte, zieht er seinen Raucherhustenschleim so stark und geräuschvoll hoch, dass der Rachen vibriert und man das Zäpfchen um Gnade wimmern hört. Sie scheint das nicht zu stören oder sie hat aufgegeben, ihm das abgewöhnen zu wollen. Anders als Mama, die es nicht Leid wird, Papa bei solchen Vergehen immer wütend anzufunkeln. Sie selbst würde sowas niiiie tun und hat ja auch gar nicht die anatomischen Voraussetzungen für solche Geräusche. Das ist wie mit dem Schnarchen - nur Männer machen sowas, Frauen ahmen es höchstens zu Vorführungszwecken nach. Am Ende des Ausfluges weiß Papa aber auf jeden Fall, wie nervig dieses markerschütternde Hochziehen sein kann und gelobt Besserung. Weder er noch Mama halten sich für ein Highlight der Gesellschaft, möchten ihren Zuckerpuppen ja aber "nur das Beste" mit auf den Weg geben, falls der Plan aufgeht und sie die Weltherrschaft an sich reißen. So zum Beispiel beherrschen die kleinen Hoheiten schon wunderbar "Bitte" und "Danke" und sind auf dem besten Wege, es langsam in ihren Alltag zu integrieren. Also es lässt sich ein Wille erahnen. Wenn man genau beobachtet und hinhört... Zurück zu Klaus, Beate, Mama und Papa. Letztere haben alles brav aufgegessen und sitzen grad über ihrem doppelten Espresso, als auch Klaus mit seinem Essen fertig wird, sein Bierglas absetzt und - man ahnt es - ein Bäuerchen macht. Zugegeben ein dezentes - zumindest wirkt es so, wenn man ihm ein Weilchen lauschen durfte - aber guuut hörbar. Und es kommt wie es kommen muss: Mama und Papa im Chor: "Mahlzeit!". Kurze peinliche Stille, alle gucken sich an und dann vier Mal breites Grinsen. Klaus prostet Papa zu, Papa entgegnet: "Watt raus muss, muss raus.", Beate setzt einen drauf: "Hätte auch schlimmer kommen können" und Mama stimmt mit ein: "Na, da sind wa ja dankbar.". Man lacht, wendet sich dem Partner zu und Stille tritt ein. Und wieder rettet ein Klingelton die Situation. Beates Handy tönt "Wrecking Ball" und ehe sich Mama, deren Fantasie manchmal zu weit geht, die gute Beate nackig auf einer Abrissbirne vorstellen kann, kommt der Kellner mit der Rechnung. Mama nickt das Trinkgeld ab, Papa zahlt und sie gehen. Auf dem Weg zum Auto tauschen sie vielsagende Blicke nach dem Motto "Bloß weg von diesen Leuten." und "Das geht ja mal gar nicht.". Kaum im Auto kehrt heimelige Atmosphäre ein: "Boa, bin ick vollgefressn.". Es pupst. "Respekt!". "Der war jut, wa?"... Nich nur die Kinder müssen noch viel lernen...

9.3.15 21:20

Letzte Einträge: 17.01.16, 19.02.16, 20.02.16

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