18.08.14

Es war ein Freitag. Gegen 14 Uhr holte mich die Schwester zur Doppler-Untersuchung ab. Hannas Werte waren ein paar Tage zuvor nicht perfekt. Also ganz nach dem Motto "Vorsicht ist besser als Nachsicht" wurde nun engmaschiger kontrolliert. Der Professor wartete schon. Also hopp rauf auf den Tisch. Grazil wie eine schwangere Elchkuh schwing ich mich auf die Pritsche. Glibber auf den Bauch, Kinder orten und sortieren und dann messen.

"Na, das sieht nich mehr ganz so gut aus.", sagt der Halbgott in weiß.

Ich so: "Wa?... Und nu?...".

"Na, da werden wir die Kinder mal lieber holen", sagt er.

Ich so: "... wann?".

"Naja, ein wenig Personal werden wir wohl aus dem Urlaub und frei holen müssen... So in vier Stunden.", sagt er.

Ich so: "...*schluck*...".

Ich darf nochmal kurz auf Zimmer,  Paul anrufen. Tappel allein durch die langen Flure. Völlig in Gedanken. Komm mir wie der einsamste Mensch auf Erden vor, weil ich es ahne:

Paul hebt ab: "Watt is los, Maus?"

Ich: "Hi... Du, ähm, die holen die Kinder jetzt..."

Paul: "WATT?"

Ich: "... ähm... ja..."

Paul: "Ey, ick bin uff Tour, ick kann nich abbrechen... Scheiße!!!!!!"

Ich: "... komm nach Feierabend so schnell es geht..."

Paul: "... ja... ick liebe dich Mauzi... pass uff dich uff..."

Ich: "Ick lieb dich och..."

Allein... In den besten Händen... Aber allein...

Seit 11 Wochen und 5 Tagen lag ich im Krankenhaus.

Aber nun wird's Ernst...

 Wieder zurück werd ich in einen separaten Raum geführt. Der Zugang für den Anästhesie-Kram oder was auch immer wird gelegt. Die vier Stunden vergehen wie im Flug. Ich kritzel die drei Namen auf einen Zettel. Das Einzelchen, wie wir es zu dem Zeitpunkt nennen, liegt unten und wird die Erste sein. Nikola soll sie heißen. Welche von unseren Eineiigen als Zweite kommt, wissen wir nicht verlässlich. Auf Platz 2 steht auf dem Zettelchen Hanna und auf Platz 3 Nina. Das Schicksal soll das letzte Wort haben.

 Ein Arzt kommt rein. Dr. Vogt, glaub ich, hieß er.

"Holen SIE die Kinder?", frag ich.

"Wieso?", fragt er. "Naja, Sie wären sowas wie mein Wunsch-Arzt...", sag ich.

"Oh. Ich hab eigentlich Feierabend... Ich klär das mit meiner Chefin ab...".

Und ja - es klappt. Ich atme auf. Ich hab ihn nur zwei Mal getroffen, aber seine ruhige, erfahrene Art wiegt mich in Sicherheit.

In den OP lauf ich. Wieder allein. Nur ein paar Schritte. Ein letztes Mal für mich allein.

Ich erreiche den OP. "Hi", sag ich. Und rauf auf den Tisch. Sitzend. Rücken frei machen. Spinal-Anästhesie schimpft sich das. Pieks in den Rücken. Hinlegen. Taubheit stellt sich ein. Ein Tuch wird knapp unterhalb meines Halses aufgespannt. Die Anzahl der Personen im Raum schätz ich auf ein Dutzend. Ich glaube, drei an meinem Kopf. Eine lugt über das Tuch: "Oh, die sind ja schon voll dabei.", sagt sie. Ich so: "Oh...". 19:18 Uhr. Irgendwo schreit ein Baby. EIN Baby? Nein! MEIN Baby. Nicki wird mir kurz vor die Nase gehalten. Ich so: "... *schluck*...". 19:21 Uhr. Ein Mäuschen wird hektisch vorbeigetragen. 19:22 Uhr. Nina wird mir vorgestellt. Berührt kurz mein Gesicht mit der Hand. Weg ist sie. Es werden weniger Leute. Jenseits des Tuches wird rumgeschneidert. Sie unterhalten sich. Stellen einander vor. Ich denk: "Oh..."...

Sie legen mich vom OP-Tisch in mein Bett. Schieben mich ins Überwachungszimmer. Ich lass mir meine Kette mit Ehering, Verlobungsring und dem Anhänger meiner Oma geben. Bekomme auch mein Handy. Ich ruf meine Eltern an. Und dann lieg ich dort. Allein. Meine ideell unbezahlbaren Accessoires fest umschlossen. Ich zitter. Mir is aber warm. Wohl der Kreislauf. Sie leiten eine Art Fön unter meine Decke. Jetzt wird's besser. Ich lege die Hände auf meinen Bauch. Das Gefühl werd ich nie vergessen. Sie sinken gut 20 cm tiefer als noch ein paar Stunden zuvor. Wow...

Eine Schwester kommt. "So, wir fahren sie jetzt mit dem Bett zu den Kindern und dann aufs Zimmer". Ich so: "Oh..."

Sie schieben und ziehen und zerren mein Bett durch die Türen der Neonatologie-Stationen. Mir is der Aufwand peinlich. Aber sie sind so herzlich und fest entschlossen.

Und da steh ich zwischen Nickis und Ninas Inkubator. Ninas is so hoch. Ich recke mich, aber die paar Zentimeter, auf die ich's bringe, helfen nicht viel. Ein Händchen seh ich. Schläuche. Nickis Bett is tiefer und offen. Da liegt der Wurm. Schlauch in der Nase. Das Pflaster, das ihn an Ort und Stelle hält, wurde in Herzform geschnitten. So viel Liebe auf diesen Stationen...

"Gehen sie doch erstmal zu Ihrer Frau... Na klar... Gehen Sie schon...", höre ich. Ich wage zu hoffen. Und da ist er. In Arbeitsklamotten, frisch desinfiziert, Mundschutz. "Hier ist die Nikola", sagt die Schwester zu ihm. "Ich will erstmal zu meiner Frau.", sagt er. Kommt, zieht den Mundschutz kurz runter, küsst mich, ist bei mir. Nun schaut er seine Töchter an. "Wahnsinn...", sagt er. Und nochmal: "Wahnsinn"... Wir besuchen Hanna. Ich seh sie kaum. Aber dafür Pauls Lachfältchen über dem Mundschutz. Und wieder: "Wahnsinn!".

Dann zurück im Zimmer. Paul bei mir. Hält meine Hand. Ich berichte. Wir grinsen. Wir sind Eltern. Ist denn das zu fassen? Wir sind Eltern...

2 Jahre ist das her. Und schließe ich die Augen, ist es so nah. Jedes Gefühl so spürbar. Genauso überwältigend wie damals...

2 Jahre... Schön waren sie. Hart waren sie. Lachen und Weinen oft nah beieinander. Tausendundein erstes Mal. Jeder Tag unvergesslich...

8.3.15 22:10

Letzte Einträge: 17.01.16, 19.02.16, 20.02.16

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